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Aspen 2003
Praktikum im Tonhalleorchester 05/06
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Praktikum im Tonhalleorchester 05/06

Im Mai 2005 nahm ich an einem Vorspiel für die Praktikumsstelle für ein Cello beim Tonhalleorchester teil. Um zehn Uhr morgens hatte ich anzutreten. Die Situation war angespannt und ich dementsprechend nervös.  Die Gelegenheit, in einem Spitzenorchester mitzuarbeiten und zu lernen, ist grossartig, und solche Chancen bieten sich nicht alle Tage.

Die Wettbewerbsituation...

Das Vorspiel lief ab wie im „Ernstfall“, Haydn D-Dur, anonym hinter dem Vorhang in der ersten Runde. Es gelang mir nicht alles und es stand zu befürchten, dass es zumindest für mich keine zweite Runde geben würde. Dann zu meiner Freude das Aufgebot für Runde zwei. Dvorak-Konzert und Orchesterstellen waren gefragt, und mit Dvorak konnte ich offenbar wieder einiges wettmachen. Nach längerer Diskussion durfte ich die freudige Nachricht entgegennehmen, dass ich  für die Saison 2005/2006 als Praktikant im Tonhalleor-chester aufgenommen bin. Ich bin einem grossen Traum einen Schritt näher gekommen. Meine Freude war riesig!


Zuhören, beobachten, lernen....


Was ich in diesem Jahr lernen, erfahren und erleben durfte, lässt sich am besten mit dem Wort „unbezahlbar“ ausdrücken. Ich wurde vom Orchester mit viel Wohlwollen und äusserst freundlich aufgenommen. Die Cellogruppe betreute mich vorbildlich, und ich durfte spüren, dass man mir Vertrauen entgegenbringt und mich ernst nimmt. Es herrschte trotzt zielgerichteter und effizienter Arbeit eine entspannte Atmosphäre. Ich fühlte mich wohl wie ein Fisch im Wasser.


Ich habe eine Fülle von tollen Konzerten mitgespielt, von denen mir viele als eigentliche Highlights stets in Erinnerung bleiben werden. Ich habe interessante Dirigenten kennengelernt und erlebt, wie unterschiedlich sie arbeiten.
 Thomas Netopil war der Dirigent des ersten Konzertes, das ich mitspielte, Tschaikowskis 5. Sinfonie stand auf dem Programm, durch das Charles Clerc führte  und in dem Martin Kasik Chopins zweites Klavier-konzert gab.
Dann leitete James Gaffigan einen Abend, an dem das Orchester zeigen konnte, dass es auch swingen und jazzen kann- Bernsteins West-Side Story wurde begeistert beklatscht!
Ein beeindruckendes Programm leitete Pierre André Valade. Jean-Yves Thibaudet spielte Debussys Fantasie für Klavier und Orchester und Ravels Konzert für die linke Hand-hinreissend!
Ich durfte den grossen Pianisten Rudolf Buchbinder erleben mit dem Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467 von Mozart, im selben Programm Bruckners Sinfonie „die Romantische“, geleitet von Stanislav Skrowacewski.
Mit Interesse und Freude sah ich dann einem sehr witzigen und heiteren Abend entgegen: unter Frans Brüggen führte die bremer shakes-peare company Mendelssohns Sommernachtstraum auf, Text und Regie Renate Grünig. Es gab Einiges zu lachen!
Ivor Bolton arbeitete mit uns an Beethovens neunter Sinfonie, in der Fritz Näf den bestens disponierten Schweizer Kammerchor leitete.
Dann, grosse Momente, die beiden Mahlersinfonien „der Titan“ und die „Auferstehungssinfonie“, beides dirigiert von David Zinman-glückliche Stunden!
Die Tonhalle-Late Night lud die jungen Zuhörer mit Barbetrieb und harten Beats in die Tonhalle ein und  wir boten wiederum eine mitreissende Aufführung der Sinfonischen Tänze aus der West-Side Story .
Ebenfalls mit David Zinman erarbeiteten wir die anrührende Orchesterversion Ravels von Schuberts „Tod und das Mädchen“ . Furore machte an diesem Abend Thomas Grossenbacher mit einer grossartigen Interpretation vom Cellokonzert op. 68 von Benjamin Britten.
Als einzige Frau am Pult des Dirigenten lernte ich Marin Alsop kennen. Mit Ruhe und Sicherheit dirigierte sie eine Dvorak-Sinfonie, die Nr. 7, Ralph Vaughan Wiliams Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis und das Violinkonzert von Sibelius in der bemerkenswerten  Interpretation der einzigartigen Victoria Mullova.
Haydns Sinfonie 1:86 und die Lyrische Sinfonie von Alexander von Zemlinski wurden von Armin Jordan geleitet. Ich arbeitete mit Christopher Hogwood und Claus Peter Flor.
Höhepunkte waren für mich auch die Aufführungen im KKL Luzern. Unser Japantourneeprogramm wurde vorgestellt. Drei Cellisten übernahmen die Cellokonzerte, die in Japan YoYo Ma spielen würde. Heinrich Schiff gab Don Quixote von Richard Strauss, Gustav Rivinius das Schumann Cellokonzert und Lynn Harrell Dvoraks Cellokonzert.  Beethovens dritte Sinfonie, Schumanns zweite Sinfonie  und eine absolut  einmalige Interpretation von Mahlers Sinfonie „der Titan“ vervollständigten die tollen Pro-gramme.

Eine Riesenüberraschung durfte ich erleben, als ich zwei Wochen vor Beginn der Japantournee angefragt wurde, ob ich das Orchester als Zuzüger begleiten möchte. Meine Begeisterung war grenzenlos. Beeindruckend gute und schöne Säle standen uns in Japan zur Verfügung, und ein dankbares und applausfreudiges Publikum bedankte sich jeweils bei uns und dem absoluten Weltklassecellisten YoYo Ma.  Fliegen, reisen, einpacken, auspacken, schlafen, üben, essen...so eine Tournee, das weiss ich inzwischen, ist ein Knochenjob- der Jetlag kann einem schwer zu schaffen machen! Es war eine grosse Ehre für mich, dass ich diese Reise, die uns von Fukuoaka über Nishi-nomiya, Osaka, Kanazawa, Nagoya, Matsumoto bis in die Tokyo Santory Hall führte, miterleben durfte.

Dann mein letztes Konzert mit dem Tonhalleorchester: meine junge Kollegin  Mayuko Kamio spielte Schostakowitschs Violinkonzert bravourös, für den leider erkrankten Mstislaw Rostropowitsch dirigierte Eliahu Inbal.

Ein schönes Jahr ist vorbei.



Mein herzlicher Dank gilt  David Zinman, allen Musikern und Musikerinnen des Orchesters, mit denen ich  in ca. 50 Konzerten mitspielen durfte, besonders  Andreas Sami, der mich persönlich coachte. Ich habe viel von dir gelernt.  Jürg Keller und Trygve Nordwal, dem Orchesterdisponenten Ambros Bösch,  die so viel für das Orchester tun- ich habe grossen Respekt vor eurer Arbeit.

Ich habe eine unvergessliche und lehrreiche Zeit bei euch verlebt. 



Zürich, Juni 2006




Sehr geehrte Damen und Herren des Tonhalle-Orchesters Zürich,
liebe Freunde und Kollegen,


mit diesem Brief bedanke ich mich ganz herzlich bei euch allen. Was ich  in diesem Praktikumsjahr bekommen habe, wird mich immer begleiten, und es bleiben wunderbare Erinnerungen.
 
Es ist unbeschreiblich, wenn man plötzlich vom Zuhörer und Bewunderer, zumindest für  kurze Zeit, zu  einem Teil eines so grossartigen Orchesters werden darf. Von Anfang an wurde ich von allen sehr freundlich und wohlwollend empfangen, was in anderen Orchestern keine Selbstverständlichkeit wäre. Es ist schön, dass ich in dieser Zeit viele von euch ein bisschen näher kennen lernen durfte. Ihr habt mir die Chance gegeben bei euch zu lernen, wie man im Orchester spielt, wie man arbeitet und sich vorbereitet, probt und Konzerte gibt. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viel Erfüllung und Freude während und nach Konzerten erlebt wie mit euch zusammen. In einem Orchester zu sitzen und einfach die pure Musizierfreude zu spüren und davon getragen zu werden, ist von unschätzbarem Wert. Dass ich dies bei euch erfahren durfte, dafür bin ich unendlich dankbar.

Ein ganz spezieller Dank geht natürlich an die Cellogruppe. Was ich von euch gelernt habe, versuchte ich umzusetzen. Eure Hilfsbereitschaft und die aufbauende Kritik schätze ich sehr. Es war eine Freude mit jedem Einzelnen von euch am Pult zu sitzen und arbeiten zu dürfen. Das Vertrauen, dass Ihr in mich hattet, ehrt mich sehr. Obwohl man als Praktikant nicht bei Projekten mit CD-Aufnahmen mitspielen darf, konnte ich als elftes Cello an Mahlers erster Sinfonie mitarbeiten. Nun habt Ihr mich sogar auf die Japantournee mitgenommen. Ihr wusstet natürlich, wie gerne ich  mitgekommen wäre und ihr könnt euch nicht  vorstellen, wie sehr ich mich über diese Anfrage gefreut habe. Ich hoffe, ich konnte eure Erwartungen in mich erfüllen. 


Ich  wünsche dem ganzen Orchester alles Gute, Glück und Gesundheit und weiterhin viel Erfolg. Ich wäre glücklich, wieder einmal mit euch zusammen arbeiten zu dürfen.

Mit lieben Grüssen und den besten Wünschen,


Benjamin Nyffenegger

Praktikum im Tonhalleorchester 05/06
Praktikum im Tonhalleorchester 05/06