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3. Juli 2012
Donaukurier
Hymnischer Klangkosmos

Wie ein vierköpfiges Symphonieorchester

Streichquartette, die sich relativ spontan aus Spitzensolisten formieren und nicht über Jahre gewachsen und gereift sind, stehen in der Regel unter einem Generalverdacht: Vier Solisten, die ihre jeweilige Egoshow abziehen und dabei eher nur zufällig einen zusammengehörigen Notensatz vor sich liegen haben, machen deshalb noch lange nicht zusammen Musik – „weltberühmtes Streichquartett sucht zweite Geige, Bratsche und Cello“.

Für das Julia Fischer Quartett, das am Samstagabend und am Sonntagvormittag auf Schloss Leitheim gastierte, trifft genau das in absolut keiner Weise zu. Das Julia Fischer Quartett setzt sich zusammen aus der illustren Namensgeberin, dem Geiger Alexander Sitkovetsky, dem Bratscher Nils Mönkemeyer und dem Cellisten Benjamin Nyffenegger. Alle vier gehören der Weltspitze der Solisten an. Aber zusammen bilden sie ein Quartett aus einem Guss, einen monolithischen Klangkörper mit exorbitanter Fülle und konzentrierter Einigkeit. Dies liegt vielleicht zum einen daran, dass zwischen den Vieren ganz offenbar einfach die Chemie stimmt, sie sich in einer sachlich und sehr sympathisch wirkenden Weise mit freundlichen Blicken kommentieren und gegenseitig Hinweise geben. Zum anderen haben vermutlich gerade diese vier Personen so schnell und überzeugend ihren gemeinsamen Ton gefunden, weil sie auf natürliche Weise ihre Auffassungen über Musik zu teilen scheinen. Sie verleugnen keineswegs ihre solistische Profession, vielmehr zelebrieren sie die vielen Gelegenheiten, ihre Instrumente, ihren jeweiligen Charakter hervorzuheben. Dabei lassen sie sich jedoch völlig vom Geschehen der Musik selbst leiten. Jeder übernimmt gelegentlich die Führung und ständig spielen sich die Vier in vollkommener Ausgeglichenheit die Bälle zu. Jeder Ton ist wie ein sinnvoller Beitrag in einer absolut schlüssigen, vernünftigen Unterhaltung.

Der Gesamtklang des Quartetts profitiert von dem breiten und schönen Ton, wobei alle vier mit ihren Spitzeninstrumenten schlicht und ergreifend Unglaubliches anstellen. Im Streichquartett Nr. 67 F-Dur op. 77/2 von Joseph Haydn, dem sogenannten Lobkowitz-Quartett Hoboken-Nr. 82, entfalten die Vier einen erhabenen und insbesondere im Andante auch hymnischen Klangkosmos, wie er von manchem Musikwissenschaftler erst in Beethovens späten Streichquartetten vermutet wird. Dem Streichquartett Nr. 4 e-Moll op. 44/2 von Felix Mendelssohn Bartholdy entlocken sie selten gehörte Zusammenhänge der sich entwickelnden Form. Sie erreichen dabei eine Intensität und Vielfalt an Klangfarben, die sich fast mit dem Wort „Instrumentierung“ besser beschreiben ließe.

Ohne Vergleich ist die Interpretation des Streichquartetts Nr. 14 d-Moll D 810 „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert. Nach einem kraftvollen und unmittelbar packenden Einstieg in dieses großartige Werk bewegen sich die Vier durch Dimensionen der Schwerelosigkeit, in der sich jeder der vielen Formteile unmittelbar auseinander ergibt. Noch dazu ist dieses Quartett, das von Schubert, insbesondere im zweiten Satz, dem Andante con moto, mit einer starken Stellung der ersten Geige und des Cellos komponiert ist, der Namensgeberin der Formation und Benjamin Nyffenegger wie auf den Leib geschrieben. Doch auch hier machen sie kein konzertantes Stück aus dem Werk. Vielmehr musiziert ein vierköpfiges, imaginäres Symphonieorchester.


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