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16. Juli 2012
Süddeutsche Zeitung
Herrscherin im Reich der Musik



Julia Fischer triumphiert bei den Münchner Philharmonikern mit Tschaikowsky und demonstriert mit ihrem neu gegründeten Streichquartett ihre musikalische Vielseitigkeit

Das hat schon etwas Heroisches: Da spielt Julia Fischer an zwei Abenden in der Gasteig-Philharmonie Peter Tschaikowskys Violinkonzert mit den Münchner Philharmonikern unter Juraj Valcuha und präsentiert am anschließenden Sonntagmorgen im Prinzregententheater in einer Matinee ihr 2010 formiertes Quartett mit wahrhaft illustren Mitspielern: Alexander Sitkowetzky, 2. Violine, Nils Mönkemeyer, Viola, und Benjamin Nyffenegger, Violoncello.

Heroisch auch deshalb, weil das Tschaikowsky-Konzert neben aller Virtuosität auch enorm kraftfressend ist und ein Programm mit Quartettmeisterwerken von Joseph Haydn, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Schubert wirklich Konzentration und Energie erschöpft – neben allen technischen Schwierigkeiten. Aber Julia Fischer strahlt eine solche Souveränität und Sicherheit aus, als gebiete sie über unerschöpfliche Reserven ihrer geigerischen und vor allem musikalischen Mittel.

Das machte manchen Hörer in der Philharmonie sprachlos, der es womöglich gewohnt ist, dass bei Tschaikowsky Solistenblut fließen muss. Manche ereiferten sich auch, ob solche Staunen erregende instrumentale Überlegenheit nicht erkauft sei durch einen Mangel an Wärme und innerem Engagement. Das sind jene altbekannten, gleichwohl falschen Ansichten, mit denen man früher einem Geiger wie Jascha Heifetz die höheren Künstlerweihen absprach. Damals schwangen da auch unverhohlen antisemitische Töne mit.

Julia Fischer befreit Tschaikowsky vom Ballast russisch sentimental kitschiger Traditionen

Diese, mit Verlaub, dämliche Konstruktion vom Gegensatz zwischen kalten Technikern, den Virtuosen, und den, wenn auch technisch unzulänglichen, vermeintlich begnadeten Musikern, hat der große Cellist Emanuel Feuermann oft attackiert: „Virtuose sollte ein Ehrentitel sein, und ich glaube, dass selbst unter den Größten auf dem heutigen Podium nur wenige ihn verdienen. Virtuose zu sein bedeutet: das größte Spielvermögen zu haben, das Kunstwerk zu achten und über die Fähigkeit zu verfügen, die eigene Persönlichkeit sinnvoll in das Kunstwerk einzubringen. Wie viele von uns besitzen das? Wie viele von uns glauben, sie hätten es, und liegen doch ganz falsch? Und wie viele könnten dieses Virtuosesein besitzen, wären sie nur sorgfältig in ihrer Entwicklung angeleitet worden?“

Julia Fischer ist also in Feuermanns Sinn eine Virtuosin, denn wie sie das Tschaikowsky-Konzert entfettete, vom Ballast russisch-sentimental-kitschiger Traditionen befreite, wie sie symphonisch mit dem Orchester agierte und rhythmisch unmissverständlich die Impulse setzte, wie sie die Kadenz im Kopfsatz als integralen Bestandteil des musikalischen Geschehens verstand und nicht wie so oft als exhibitionisch-hysterische Szene eines delirierenden Solisten lieferte, wie sie schließlich die Canzonetta als intimen Nachtgesang, als nach innen gekehrtes Selbstgespräch bot, um dann im Finale dem Affen Zucker zu geben, ohne reißerisch zu werden oder gar aus dem Ruder zu laufen, das rechtfertigte alle Ovationen nicht nur des Publikums, auch des Orchesters. Die Paganini-Zugabe lag dann genau in dieser Logik. Später glückte dem Orchester und Juraj Valcuha eine blitzende, blühende, von herrlichen Soli getragene Aufführung von Sergej Rachmaninows 3. Symphonie.
Doch ein Quartett ist eine andere Aufgabe, da reicht die reine Spielfreude, das technische Vermögen und die individuelle Phantasie von vier ausgemachten Solisten keineswegs aus, um die gerade bei dieser Form stets geforderten höchsten Ansprüche zu erfüllen. Kein Wunder daher, dass sich Quartettformationen über Jahre hinweg zusammenfinden müssen, um Balance und Transparenz herauszufinden, kammermusikalisches Denken, die Fähigkeit zum „Vierergespräch“ und die gedankliche Durchdringung der Werke zu üben, um dann einen eigenen Ensembleton zu kreieren und einen unverwechselbaren Charakter zu entwickeln.

Neben den so gewachsenen, zu Recht bewunderten Spezialensembles à la Juilliard, Emerson, Amadeus, Alban Berg, Ebène, Modigliani, Brentano, Artemis und anderen hat es jedoch immer auch Solistenformationen in der Geschichte gegeben, man denke nur an die berühmten Quartette von Geigern wie Joseph Joachim, Adolf Busch, Mischa Elman oder Oskar Shumsky. Heute setzen etwa Christian Tetzlaff, Thomas Zehetmair oder Antje Weithaas diese Tradition fort, mit großartigen Ergebnissen. Nun also auch Julia Fischer und das gleich mit drei Werken, die selbstverständlich höchste Virtuosität voraussetzen, damit der geheime Sinn der Werke entschlüsselt werden kann.

Die neuen Vier beeindrucken durch ausgesprochen konzertanten, extrovertierten, nach vorne drängenden Stil. Die Kunst des Sich-Zeitlassens wird fraglos noch kommen. Haydns in den raschen Sätzen von blitzartigen Dynamikwechseln und kühn durchbrochenem Satz geprägten Quartett Op. 77, 2 bekam dieser Stil sehr gut. Das war musikalisches Pingpong-Spiel erster Klasse. Für Mendelssohns Op. 44,2 boten die Vier leidenschaftlichen Kampf ebenso wie die Kunst des elegischen, innigen Aussingens. Und es ist natürlich eine Freude, ein Presto agitato auch als solches dargestellt zu hören. Endlich Schuberts „Tod und das Mädchen“: Lyrische Emphase und Akzentwildheit im Eingangsallegro, zauberisches Geigengespinst bis in die Höhen und großer Cellogesang im Variationssatz, rhythmische Heftigkeit und Pianissimoschmelz in den Gegensätzen des Scherzos, schließlich die wilde Jagd des Finales – Ovationen für ein großes Debüt.

VON HARALD EGGEBRECHT

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