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1. März 2011
Musik und Theater
Ich habe einfach Glück

Benjamin Nyffenegger geniesst die Abwechslung zwischen Orchester, Kammermusik und Solokonzert

Reinmar Wagner

Benjamin Nyffenegger ist Stellvertretender Solocellist im ZürcherTonhalle-Orchester und begeisterter Kammermusiker Zusammen mit der Geigerin Julia Fischer spielt er in vier Schweizer Städten ein Doppelkonzert von Vivaldi.

Es ist kein Zufall, dass Benjamin Nyffenegger in diesem Konzert spielt. Eigentlich passt er zwar nicht so recht in die Reihe «Schweizer Solist», mit welcher die Migros Kulturprozent Classics jeweils einem nationalen Talent ein Sprungbrett bieten. Denn der 26-jährige Cellist hat eine feste Stelle im Tonhalle-Orchester und sieht sich nicht wirklich als Solisten: «Das war nie mein Ziel, nie meine Perspektive. Ich spiele mit Begeisterung im Orchester und kann mir etwas anderes nur schwer vorstellen. Wenn ich mal drei Wochen nicht Orchester spiele, vermisse ich es. Aber ich spiele auch gerne Solokonzerte, mache gerne Kammermusik und geniesse diese Abwechslung.»

Dass er auf der aktuellen Tournee nun aber zusammen mit Julia Fischer ein Doppelkonzert von Vivaldi spielt, liegt an der deutschen Geigerin selber: Sie hat ihn eingeladen. Kennengelernt haben sich die beiden während der Residenz Fischers beim Tonhalle-Orchester, wo sie zusammen das Streichquintett von Schubert aufführten. Daraus sind weitere Projekte erwachsen, unter anderem spielte Nyffenegger an Fischers Festival. Auch für die kommenden Jahre sind Kammermusik-Projekte geplant: «Ausser ich verhaue diesen Vivaldi», lacht Nyffenegger.

Vor allem das Streichquartett-Repertoire wollen die beiden zusammen erforschen. Die Partner in den Mittelstimmen sind ebenso hochkarätig: Nils Mönkemeyer, der deutsche Bratschist, und Alexander Sitkovetski an der zweiten Geige. Neuland ist das Streichquartett für Benjamin Nyffenegger nicht. Schon während seiner Studienzeit hatte er 1999 zusammen mit Noemie Rufei Gwendolyn Rouiller und Lea Boesch das «Auris-Quartett» gegründet. Es bestand fünf Jahre lang und konnte neben dem Gewinn des ersten Preises beim Schweizerischen Jugend-Kaminermusik-Wettbewerb 2001 erfolgreiche Konzerte in Deutschland und der Schweiz vorweisen. «Wir waren noch sehr jung damals. Aber das Quartett-Spiel hat uns allen sehr viel gebracht.»

Auch mit dem Tonhalle-Orchester bestehen ehrgeizige Kammermusik-Pläne: Zusammen mit den Konzertmeistern und Bratschen-Stimmführern sowie mit seinem ehemaligen Lehrer und heutigen Cellokollegen Thomas Grossenbacher wird Nyffenegger im neu gegründeten «Tonhalle-Streichsextett Zürich» spielen. Der erste Auftritt ist am 18. April bei der Verleihung der «Goldenen Note» in der Musikhochschule Zürich an David Zinman und Elmar Weingarten. Auf dem Programm steht ein Streichsextett von Brahms. Gleich anschliessend werden sie die beiden Sextette einspielen. «Wenn man mit Musikern zusammen spielt, die man menschlich und beruflich akzeptiert, und das haben wir in allen Registern, dann ist das einfach wunderbar. Wir haben grosses Glück, dass wir das Etikett «Tonhalle» verwenden dürfen und dass auch vom Orchester aus das Kammermusikspiel gefördert wird. Das hilft wiederum, die Qualität des Orchesters weiter zu erhöhen. Die gleiche Fitness und Wachheit kann man meiner Meinung nach nicht allein mit dem Spielen im Orchester erhalten, auch wenn man viel übt. Das sehen auch meine Kollegen so, und alle schauen, dass sie oft Kammermusik spielen können. Das Repertoire ist ja auch wunderschön. Ich liebe die Sextette von Brahms. Diese Musik könnte ich den ganzen Tag spielen. So wie das Schubert-Quintett auch.»

Jetzt kommt aber erst Vivaldi auf der Kulturprozent Classics-Tournee durch die Städte Zürich, Bern, St. Gallen und Genf mit Julia Fischer. «Ich freue mich sehr darauf», sagt Nyffenegger. «Ich mag sie wahnsinnig gern, sie ist eine hervorragende Musikerin.» Das Programm stand fest und wurde auch durch die Orchesterbesetzung der Academy of St. Martin in the Fields mitbestimmt, die kein romantisches Repertoire erlaubt. «Ich kannte das Konzert vorher gar nicht. Es ist typisch Vivaldi, dreisätzig, geradlinig, schlicht. Und es hat nur einen kurzen langsamen Mittelsatz, nicht so gesanglich ausgebaut wie Vivaldi es in anderen Cellokonzerten manchmal komponiert hat. Im Vergleich zu diesen ist es auch weniger virtuos, aber fröhlich und munter. Das wird lustig. Ich werde wahrscheinlich auch im Orchester mitmachen und vielleicht spielen wir auch noch zusammen eine Zugabe nach Julias Mozart-Violinkonzert.»

Für Musiker seiner Generation ist auch klar, dass man in die barocke Musik die stilistischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte einfliessen lässt, jedenfalls, was die Spielweisen betrifft. Das Instrument wechselt Benjamin Nyffenegger nicht: «Wir werden nicht auf Darmsaiten spielen und keine Barockbögen verwenden. Es wird sicher keine extrem barocke Spielweise wie bei den Spezialistenensembles herausschauen. Aber natürlich versuchen wir eine schlichtere Tongebung als in einem romantischen Konzert. Die Details werden sich dann an den Proben entscheiden. Man hat auch gar nicht so viele Möglichkeiten in diesem Konzert, auch nicht für ausgedehnte Verzierungen. Die Soli sind schon recht ausgefüllt, das meiste ergibt sich logisch von selber.»

Wenn er wählen könnte, würde Benjamin Nyffenegger aber dann doch lieber eines der grossen romantischen Cellokonzerte spielen. Dvoräk oder Elgar oder Schumann. Für ihn ist auch das Repertoire gross genug, im Gegensatz zu Kollegen, die gerne den Mangel an romantischen Cellokonzerten beklagen: «Von Dvoräk zum Beispiel gibt es noch ein zweites Konzert, das nicht ganz vollständig ist, es gibt die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky, zwei Konzerte von Saint-Saens, das Brahms-Doppelkonzert. Und dann erst im 20. Jahrhundert: Prokojew, zwei von Schostakowitsch, ein sehr schönes Konzert von Othmar Schoeck und viele andere. Nebst Haydn, Boccherini, Vivaldi. Ich glaube, damit könnte ich auch ein Solistenleben ausfüllen.»

Aber in erster Linie fühlt sich Benjamin Nyffenegger als Orchestermusiker und füllt seine Stelle als Stellvertretender Solocellist im Tonhalle-Orchester mit Freude aus: «Da spiele ich zwar keinen «Don Quichotte», das macht Thomas Grossenbacher so gut wie sonst kaum einer auf der Welt. Aber wenn ich das Register führen kann, dann ist das wunderschön, das geniesse ich sehr.» An seinem bisher schönsten Tag, am 6. Januar 2009, aber sass Benjamin Nyffenegger nicht am ersten Pult der Tonhalle-Celli, sondern wurde Vater. Und am selben Tag wurde er nach dem Probejahr definitv ins Tonhalle-Orchester aufgenommen. «Ein verrückter Tag. Sie können sich vorstellen, dass das mit dem bestandenen Probejahr ein wenig unterging.»

Seine Frau ist ebenfalls Cellistin und hat eine Stelle im Zürcher Kammerorchester. «Das ist natürlich ideal. Wir spornen uns gegenseitig an. Der einzige Nachteil ist, dass wir nur selten zusammen spielen können. Wäre einer von uns Geiger, wäre das viel einfacher.» Aber beklagen will sich Benjamin Nyffenegger nicht. Kein bisschen: «Ich habe einfach Glück. Für mich haben sich alle Wünsche erfüllt. Natürlich bin ich zufrieden.»

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