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31. März 2011
Der Bund
Hypnose mit vier Saiten



Sie sagt, sie habe nicht den Anspruch, perfekt zu spielen. Nichts weniger aber hat die Geigerin Julia Fischer im Kultur-Casino getan – an der Seite der Academy of St. Martin in the Fields.

Gisela Trost

Es ist schier unmöglich, den Blick von ihr loszureissen. Von Zeit zu Zeit muss man sich selber daran erinnern, dass es da noch andere Musiker auf der Bühne gibt – an diesem Abend immerhin die legendäre Academy of St. Martin in the Fields. Die Präsenz der jungen Geigerin Julia Fischer verpasst einem ungewollt den sprichwörtlichen Tunnelblick.

Fischer ist an diesem Abend nicht nur Solistin, sondern auch Leiterin des britischen Kammerorchesters. In Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 KV 219 nehmen die Musikerinnen ihre Impulse äusserst flexibel auf – auch wenn sie ihnen den Rücken zuwendet. Ohne Dirigenten auszukommen, ist sich die Formation gewohnt und dafür auch berühmt.

Mozart in ganzen Sätzen

Julia Fischer interpretiert Mozart perfekt. Wie in Marmor gemeisselt erscheinen die einzelnen Phrasen. Jeder Ton ist exakt dort, wo er hingehört – und zwar nicht nur innerhalb der einzelnen Phrasen, sondern innerhalb des ganzen Satzes, ja, des ganzen Stücks. Wie weitgespannt Julia Fischer musikalisch gestaltet, sucht seinesgleichen. Und weist sie neben aller technischen Meisterschaft auch als musikalische Hochbegabung aus: Es ist, als würde sie ganze Sätze sprechen, wo alle anderen sich noch mit Buchstabieren abmühen. Mit dem Finalsatz kommt auch Leben ins bis dahin bei aller Flexibilität nicht überdurchschnittlich engagierte Orchester. Mozart ist immer für eine Überraschung gut und hat dort eine amüsante Szene komponiert, die dem Konzert den – mittlerweile überholten – Beinamen «Türkisch» verlieh. Das «Col legno»-Spiel der tiefen Streicher imitiert peitschendes «türkisches» Schlagwerk, während sich der Ausdruck der Sologeige ins zigeunerhaft Virtuose wandelt. Julia Fischer setzt diesen Wechsel – inzwischen erwartet man nichts mehr anderes – musikalisch und dramaturgisch perfekt in Szene.



Als «Schweizer Talent» – die Förderung derselben haben sich die Migros-Kulturprozent-Classics auf die Fahne geschrieben – erhält der Zürcher Cellist Benjamin Nyffenegger eine Plattform. In Vivaldis Konzert für Violine und Violoncello RV 547 meistert er seinen Part überzeugend und besonders im dritten Satz mit viel Impetus. Der Dialog mit Julia Fischer ist differenziert, farbig und einfallsreich – und die beiden haben Spass. In der hinreissend gespielten Zugabe, Johan Halvorsens Passacaglia über ein Thema von Händel, wirken sie zuweilen wie zwei Kinder, die gerade einen Streich aushecken. Das ist erfrischend und beweist endgültig, dass sich an diesem Abend technische Brillanz und Spontaneität nicht ausschliessen.




Allerdings fällt der zweite Teil des Konzerts, Othmar Schoecks «Sommernacht» op. 58 und Tschaikowskis Serenade C-Dur op. 48, gegenüber dem ersten etwas ab. Das Streichorchester spielt unter der Leitung von Julia Fischer zwar wie aus einem Guss – jedoch nicht ganz so inspiriert wie erhofft.


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