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29. März 2011
Codex Flores
Academy of Saint Martin in the Fields in Bern



Die deutsche Geigerin Julia Fischer ist zur Zeit in der Schweiz unterwegs. Mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, mit dem sie am 1. April auch einen Abstecher ins Festspielhaus Baden-Baden macht, bestreitet sie am 12. April in Zürich ein Benefizkonzert zugunsten der Erdbebenopfer in Japan. Im Moment gastiert sie aber noch mit der Academy of St. Martin in the Fields in verschiedenen Schweizer Städten.

Mit dem englischen Ensemble hat Julia Fischer bereits eine CD mit Bach-Konzerten eingespielt (siehe Codex-flores-Rezension). Dass sich Orchester und Solistin verstehen und eine ähnliche Ästhetik pflegen, war in Bern ohrenfällig. Für ihre Auftritte im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics stellten sie ein (nicht musikalisch, sondern stimmungsmässig) eher leichtes Serenade-Programm zusammen: Da fanden Vivaldi, Mozart, Othmar Schoeck und Tschaikowsky zusammen.

Zuammen mit dem als «Schweizer Talent» gelabelten Cellisten Benjamin Nyffenegger, der einen ähnlich noblen Ton wie sie kultiviert und mit dem sie sich spürbar gut versteht, nutzte die Geigerin Vivaldis gefälliges Konzert für Violine und Violoncello B-Dur RV 547 – der Prete rosso erweist sich da vor allem im dritten Satz als erfahrener Klangtüftler – als Einspielstück.

Die beiden schoben allerdings noch eine Duo-Version einer Händel-Passacaglia des romantischen Streicher-Komponisten Johan Halvorsen nach, ein effektvolles, geschmacksicheres Kabinettstücklein, das ihr gutes Einvernehmen unterstrich und den Saal auch noch bestens unterhielt.

In Isaac Sterns legendärem Dokumentarfilm «From Mao to Mozart» gibt es eine berührende Passage, in welcher der Geiger Mozarts Violinkonzert KV 219 in unvergleichlicher Art mit gelassen-warmer Expressivität auflädt. Man hat das unweigerlich im Ohr, wenn Fischer in eher sachlich anmutender Art über die betreffende Passage hinwegspielt.

Mag sein, dass ihr die etwas distanziert anmutende Perfektion ihres Spiels in solchen Momenten den Vorwurf der scheinbaren Kühle einhandelt. Sie scheint (wie im Fall ihrer CD mit den Capricen Paganinis) einer Art Respekt vor der Persönlichkeit des Komponisten zu entspringen, dessen Absichten sie nicht mit selbstdarstellerischen Posen wegzuwischen trachtet. Man könnte in Zeiten gestiegener Sensibilität für den Respekt gegenüber personaler Individualität ihre Werkdeutungen als modern bezeichnen.

Besonderes Gewicht verlieh Fischer dem Solopart des Konzertes: Sie spielte alle Kadenzen aus, mit Varianten von ihr selber und des kürzlich verstorbenen Yakov Kreizberg. Dabei stellte sie, vor allem im zweiten Satz, nicht einfach die Virtuosität in den Vordergrund, vielmehr formulierte sie so feinsinnige Kommentare zu der Musik; sie führte das klassische Werk damit über die eigene Zeit hinaus.

Nach der Pause nahm Julia Fischer den Platz der Konzertmeisterin ein, von dem aus sie wie schon zuvor, wo sie dem Ensemble gar den Rücken zukehrte und es scheinbar sich selber überliess, kaum die demonstrative Rolle der dirigierenden Gestalterin einnahm, sondern sichtbar höchstens einmal einen Einsatz signalisierte.

Im Mozart-Violinkonzert war vor der Pause eine eher pauschale Behandlung von Dynamik und Klanggestaltung aufgefallen, und so hätte man vermuten können, dass auch in diesem Fall das typisch Unverbindliche von Interpretationen Überhand nehmen könnte, das im Falle von dirigierenden Solisten immer wieder zu beklagen ist (mehr noch, wenn Pianisten vom Klavier aus den Ton angeben als wenn Streicher ihresgleichen anführen).

Es blieb aber alles anders: Bereits in Othmar Schoecks stimmungsvoller «Sommernacht» op. 58 (die just von der Bernischen Musikgesellschaft in Auftrag gegeben und 1945 uraufgeführt worden war) erwies sich das Orchester als subtil Klangvaleurs definierendes Ensemble. In Tschaikowskys Serenade op. 48 entfaltete es gar ein atemraubend rhythmisch-präzises, in allen Lagen intonationssicheres und hochdifferenziertes Klanguniversum.

Im Ausklang des zweiten Satzes mit seiner Auflösung von Sordino-Passagen in kollektive Flageoletts wäre Stille so vermutlich physisch greifbar geworden, hätte das Publikum nicht mit militanten Hustattacken den Zauber der Momente obstruiert. Kollegen Fischers haben in solchen Situationen ihrem Unwillen auch schon deutlich Luft verschafft. Es spricht für die Klasse und Souveränität der noch sehr jungen Geigerin, dass sie sich da weder Ruhe noch Gelassenheit rauben liess, war aber schade für das Konzerterlebnis.

Vom Publikum im vollen Saal des Berner Kultur-Casinos verabschiedete sich die Academy mit einer launischen Gavotte für Streichorchester. Ein entspanntes Ende eines grossen Abends der Ausnahmekönner. (wb)

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