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23. März 2011
Aargauer Zeitung / Kulturbeilage
Echte Talente brauchen keine TV-Show

Der junge Schweizer Cellist Benjamin Nyffenegger macht eine glänzende Karriere

Echte Talente brauchen
keine TV-Show

Christian Berzins

Benjamin Nyffenegger zeigt, dass es die grössten SchweizerTalente
nicht im TV zu sehen gibt. Der Aargauer hat es geschafft, wovon eine Heerschar von jungen Schweizer Musikern träumt: Nyffenegger spielt im besten Orchester der Schweiz – und tritt zurzeit gar als Solist auf.

Doch vorerst gilt es leise zu sein: Aufnahmesitzung! Sein Tonhalle-Orchester spielt zusammen mit Chefdirigent David Zinman die Sinfonien von Franz Schubert auf CD ein, der weltweite Erfolg der Beethoven- und Mahler-CDs verlangt nach einer Fortsetzung. In Kürze wird der Cellist in der Kirche Seon noch besser zu hören sein, wenn erneut Mikrofone sein Spiel einfangen. Dann nämlich wird dort das Tonhalle-Sextett Werke von Johannes Brahms aufnehmen. Und noch vorher steht Nyffenegger in vier grossen Konzertsälen der Schweiz auf der Bühne.

Solo-Konzerte, Orchesterlaufbahn, Kammermusiker – ein Schweizer Cellisten-Hansdampf in allen Gassen?

Momentan vielleicht. Aber es ist nicht allzu lange her, da war es ruhig geworden um Nyffenegger, da war der Jugendbonus, der ihm viel Sympathie und Auftritte brachte, verspielt. Der junge Cellist fragte sich: War es das?
Grundlage von Nyffeneggers aktuellem Glück ist seine junge Familie und die Festanstellung als Stellvertretender Solocellist im Tonhalle-Orchester seit 2008. Nicht nur das. Seit kurzem ist er im Orchestervorstand. Wenn schon dabei, dann auch mit Mitspracherecht.

Bezeichnenderweise nimmt er im munteren Gespräch kein Blatt vor den Mund, redet ehrlich und offen über seine Wünsche betreffend den fieberhaft gesuchten Nachfolger von Tonhalle-Chefdirigent David Zinman. Eine heikle Entscheidung, ists die falsche, wird das Orchester leiden.

Die Angst vor dem Chefdirigenten

Zu spüren ist das Verlangen der Musiker nach einem bedeutenden Orchesterleiter. Mehr noch: Nicht nur ein grosser Dirigent, sondern auch ein grosser Name ist gesucht. «Es ist für uns wichtig, dass einer kommt, der zieht: Dann öffnen sich neue Türen. Wir wollen in den Top-Sälen spielen, wollen weiterhin viele Aufnahmen machen und uns im internationalen Markt etablieren.» Da das Orchester kontinuierlich arbeiten möchte, wünscht sich Nyffenegger einen eher jüngeren Dirigenten.
Das Unheimliche: Es gibt einen, den das ganze Orchester will und der seit ein paar Jahren regelmässig in der Tonhalle gastiert. Er heisst Andris Nelsons, dirigiert zurzeit in Birmingham und dirigiert zudem die besten Orchester der Welt. «Er hat alles», sagt Nyffenegger.
Fragt sich nur, ob der aufsteigende Lette auf der Karriereleiter nicht über das Zürcher Orchester hinwegsteigt. Doch der Cellist meint, dass nicht das Orchester das Problem sei. «Wir können mit den besten der Welt mithalten. Aber Zürich hat nun mal nicht die Strahlkraft von München oder Berlin. Tradition lässt sich nicht herbeizaubern.»
Alle Wünsche erfüllt?

Zurück zu Nyffenegger. 27 Jahre ist er alt und sagt ehrlich: «Ich wünschte einst, dass es mit meiner Karriere so kommen würde, aber ich bin immer wieder überrascht.»
Nyffenegger gehörte schon früh zu den grossen Begabungen. Bevor er allerdings zum Cello-Pädagogen Walter Grimmer kam, spielte er mehr Fussball als Cello. Er ist heute noch darüber froh. «Ich habe meine Kindheit nicht dem Cello geopfert.»
Mit 15 wurde er Jungstudent, mit 16 ging es richtig los. Auch mit der Angst. Was wird aus mir?, fragte er sich. Klar war, dass die Solistenkarriere nicht infrage kam. «Da muss man sich selbst so sehr pushen, sich zu platzieren wissen. Ich wollte ins Orchester.» Allerdings nicht in irgendeines.
Schon mit 12 hatte er in einem Schulaufsatz geschrieben, dass er ins Tonhalle-Orchester möchte. Über St.Gallen und Luzern wurde der Schritt möglich. Doch trotz Traumstelle wäre ihm das reine Orchesterleben zu wenig. Deswegen die Gründung des Tonhalle-Sextetts, deswegen das Mittun im Streichquartett der Superlative von Julia Fischer, der weltberühmten Geigerin.


«Schweizer Talent» mit Weltstar

Fast noch besser kommt es diese Tage, spielt Nyffenegger doch mit derselben Julia Fischer in der verdienstvollen «Migros Classics»-Reihe. Der Cellist wird mit der Geigerin in einem Doppelkonzert Antonio Vivaldis zu hören sein. Selbst für den selbstbewussten Nyffenegger ein aussergewöhnliches Ereignis, sass er erst doch erst dreimal als Solist vor einem Profiorchester. Hinter ihm sitzt nicht irgendwer, sondern die Musiker der Academy of St. Martin in the Fields, eines der berühmtesten Kammerorchester der Welt. Neben ihm steht Julia Fischer: sie als der Star, er als so genanntes «Schweizer
Talent». Zumindest auf dem Papier.


Konzert: Migros Classics, Academy of St. Martin in the Fields, Julia Fischer (Leitung und Violine). Benjamin Nyffenegger (Violoncello). Werke von Vivaldi, Mozart, Schoeck und Tschaikowski.
Genf, Sa, 26. März, St.Gallen, So, 27. März, Bern, Mo, 28. März, Zürich, Di, 29. März. Karten: www.ticketcorner.ch

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