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3. August 2009
Suedostschweizer Zeitung, Kulturteil
Ruhe vor dem Sturm

Sanfte Klänge und ein akustisches Spektakel in Paspels

Ruhe vor dem Sturm: In der Kirche Paspels erklang sinnliche Kammermusik, die die Ohren vor dem Start der 1.-August-Feierlichkeiten ein letztes Mal umgarnte.

Paspels. – Die Chefin sitzt an der Bratsche: Nachdem Wen-Sinn Yang die künstlerische Leitung der Domleschger Sommerkonzerte vor einem Jahr abgegeben hatte, übernahmen die Bratschistin Taia Lysy und der Fagottist Malte Refardt das Ruder. Im Kammermusikkonzert mit Streichern, Fagott und Gitarre, das am ersten August stattfand, spielten sie gleich selbst mit. Die kühle Luft in der Kirche Paspels wirkte im Vergleich zur drückenden Hitze, die draussen herrschte, erfrischend wie ein Sprung ins Schwimmbecken. Malte Refardt versprach ein spektakuläres Konzert. Wenn auch rein optisch das Feuerwerk am Abend mehr hergegeben haben mag, so hat in Paspels zumindest in akustischer Hinsicht das grössere Fest stattgefunden.

Virtuoses Fagott

Sozusagen den Rahmen des Konzertprogramms bildeten zwei Quartette von Joseph Haydn (1732-1809) und Franz Schubert (1797-1828). Das Quartett in D-Dur Hob. III:8 für konzertante Gitarre, Violine, Viola und Violoncello von Haydn war ein gemütlicher Ritt durch musikalische Landschaften mit witzigen Begegnungen und hübschen Erlebnissen. In Schuberts Notturno D 96 für die gleiche Besetzung war das akustische Erlebnis so reichhaltig, dass mindestens von einem Tauchgang in eine leuchtende Unterwasserwelt gesprochen werden muss: Virtuos geführten Einzelstimmen, chromatisches Schillern, wuchtige Accelerandi und ein bezaubernder dritter Satz (Lento e patetico). Dazwischen waren zwei ganz spezielle Werke zu hören: In der Sonata sopra «La Monica» für Fagott und Basso continuo von Philipp Friedrich Böddecker (1607-1683) sind kurze Variationen über ein Lied aneinandergereiht. Darin fleht die Tochter ihre Mutter an, sie möge doch keine Nonne werden. Über einem Ostinato-Bass begann das Fagott mit seinen Bitten. Es tauchte auf und versank wieder, fand einen Schluss und lief von Neuem los. Immer mehr Töne wurden vom Fagottisten zwischen die Melodienoten gepackt. Reicht der Atem? Das ganze Stück wirkte berauschend, so als ob sich alles immer schneller drehte. Malte Refardt schwang sein Fagott wie ein Elefantenrüssel umher und riss das Publikum zu begeistertem Applaus hin. In der Pause wurde prompt die Frage laut, ob das wohl auch Zweiunddreissigstelnoten waren oder nur Sechzehntel.

Fröhliche Tänze

Aus der gleichen Zeitepoche wie Böddeckers Sonata stammen auch die ausgewählten Barocktänze aus dem Engadin. Diese hat Robert Grossmann aus einer Handschriftensammlung zu drei kleinen Suiten zusammengestellt und für das sich aus den anwesenden Musikern ergebende Sextett arrangiert. Die Besetzung (Robert Grossmann, Gitarre; Anja Röhn und Rudens Turku, Violine; Taia Lysy, Viola; Benjamin Nyffenegger, Violoncello; Malte Refardt, Fagott) ergab ein buntes und interessantes Spiel mit Klangfarben. Die kurzen Charakterstücke pendelten zwischen hübscher, belangloser Volkstümlichkeit und äusserst hörenswerter Musik von kompositorisch beachtlicher Reife. Die musikalische Qualität war aber auch insbesondere das Verdienst der einzelnen Musiker, die lustvoll-gelöst und gleichzeitig mit der nötigen Ernsthaftigkeit spielten. Die Kirche in Paspels wurde mit einer Fröhlichkeit erfüllt, wie sie nur in der Musik erlebt werden kann. Besonders erwähnenswert bleibt das letzte Sätzchen mit dem Titel «Gute Nacht». Auf einem fernen Klang, der schien, als ob er schon immer da gewesen wäre, baute sich das einlullende Wiegenlied auf: Impressionistisch-betörende Ruhe und verträumtes Ersterben waren Wellness für die Ohren, die so erholt die nachfolgende Knallerei über sich ergehen lassen konnten. Dass das Musiker-Sextett nicht selbst eingeschlafen, sondern am spielen war, konnte einzig aufgrund der sich bewegenden Geigenbögen vermutet werden. (so)


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