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5. August 2008
Davoser Zeitung
DIE Engel aus dem Paradies waren da



Im Kriegswinter 1940/41 sass der französische Komponist, Leutnant Olivier Messiaen (1908-1992) im deutschen Görlitz in Kriegsgefangenschaft. Statt zu verzweifeln, schrieb er sein 8-sätziges «Quartett zum Ende der Zeit». Zu diesem Stück hat der junge Tänzer und Choreograf Filibert Tologo (Burkina Faso) für das Davos Festival eine beeindruckende Tanzperformance eingerichtet.

MARIANNE FREY-HAUSER

Was für eine Entstehungsgeschichte für ein Musikstück! Wie hat es der damals 32-jährige Komponist, Pianist und Organist Olivier Messiaen bloss geschafft, trotz widrigster Umstände eine derart zeitlose Sphärenmusik voller Sehnsucht nach ewigem Frieden zu schreiben? Wohl ein Wunder des Glaubens: Messiaen war ein sehr gläubiger Katholik. Er wünschte sich das Ende der Zeit herbei, um in den himmlischen Frieden eingehen zu können.

Sphärenmusik im Lager

Weil im Görlitzer Lager nur gerade eine Violine, ein Cello mit einer fehlenden Saite, eine Klarinette und ein verstimmtes Klavier vorhanden waren, wählte Messiaen diese eher ungewöhnliche Instrumentierung für sein 8-sätziges «Quatuor pour la Fin du Temps». Das Werk, übrigens mit Messiaen am Klavier, wurde noch im Gefangenenlager uraufgeführt - vor 5`000 Inhaftierten. «Nie wieder wurde mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört», soll der Komponist später gesagt haben.

Doppelt ins Herz getroffen

Atemlos zugehört (und zugeschaut) hat am letzten Samstagabend auch das dicht gedrängte Festivalpublikum in der Produktionshalle der Schreinerei Künzli. An diesem Abend wurde man gleich doppelt ins Herz getroffen: Zuerst natürlich durch Messiaens Sphärenmusik mit viel reizendem Vogelgezwitscher. Hobby-Ornithologe Messiaen hat die Vögel studiert. Für ihn waren sie Mittler zwischen Himmel und Erde.
Vier herausragende, klanglich bestens harmonierende «Young Artists», Shirley Brill (Klarinette, wie gewohnt souverän und mit grossem Atem in ihrem Monolog im 3. Satz), Alexander Sherbakov (Violine, überirdisch im Schlusssatz), Benjamin Nyffenegger (Cello, ergreifend im 5. Satz) sowie Wilhelm Latchoumia (Klavier, in allen 8 Sätzen ein klug mitgestaltender Begleiter mit kultiviertem Anschlag) spielten Messiaens Werk mit differenziertem Klang, mal spritzig-intensiv, mal in nachdenklicher Versunkenheit.

Getanzte Schöpfung

Das Ereignis des Abends aber war der zweite Stoss ins Herz: Die kongeniale, tänzerische Auslotung und Deutung von Messiaens Stück, verbunden mit einem elektrisierenden Abstecher in die afrikanische Perkussion. Intendantin Graziella Contratto hatte eingangs erwähnt, dass sich Olivier Messiaen zeitlebens für Techniken und Eigenheiten aussereuropäischer Musik interessiert hat. Der Auftritt des aus Burkina Faso stammenden Perkussionisten, Madou Zon, mit dem kürbisartigen Zupfinstrument und den zwei Trommeln, war darum nicht Fremdkörper, sondern logische Erweiterung der Hörerfahrung.

Kreativ und sinnlich war die Choreografie des jungen Tänzers und Choreografens Filibert Tologo aus Burkina Faso. Gemeinsam mit Landsmann Alidou Yanogo und den bei den Tänzerinnen Audrey Nion (Frankreich) und Olivia Ortega (Schweiz) schuf er ein regelrechtes Schöpfungsballett: Man erlebte Gottes Kreaturen bei ihrem ständigen Herumwuseln, im Überlebenskampf, im Streit, in der Liebe - bei Leben und Tod. Wie Schlangen zuckten die Körper der bei den extrem beweglichen, dunkelhäutigen Tänzer, wie gefährliche Zungen züngelten ihre langen Hände. Und die Tänzerinnen wurden zu Vögelchen. putzten sieh putzig, flatterten herum und balzten. Virtuos und expressiv setzte Tologo Arme, Hände und Finger als Stil- und Ausdrucksmittel ein und gab seiner packenden Choreografie eine zusätzlich abstrahierende Dimension durch die Schattentänze hinter einem durchscheinender Schirm, wo einmal gar das ewige Licht verheissungsvoll leuchtete.

Im letzten Satz von Messiaens Stück näherten sieh die Tänzer mit abgewinkelten, zum Himmel weisenden Händen den Menschen im Publikum, berührten Einzelne und deuteten damit an: Das Ende der Zeit ist da. Der Himmel wartet - ein magischer Augenblick in vollkommener Stille. Der Applaus wollte nicht enden.


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