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12. Januar 2008
Aargauer Tagblatt
Tränen und Routine

Klassik Das Tonhalle-Orchester begleitet Alfred Brendels Abschied von dem berühmten Concertgebouw, Amsterdams legendärem Konzertsaal.

CHRISTIAN BERZINS

«Gratulation - es war wunderbar!» Frau Feilchenfeldt, die mit ihrem Mann Walter nach dem Konzert in Amsterdam einen Empfang fürs Orchester spendiert, schüttelt dem Journalisten die Hand. Leider meint diese Freundin des Orchesters nicht den Tonhalle-Artikel in der gestrigen Zeitung, sondern sieht im Schreibenden einen Tonhalle-Musiker. Egal: Wir haben am Nachmittag den Tourneearzt auch mit dem Orchesterwart verwechselt . . . Das Gespräch war dennoch amüsant. Die Stimmung in der Brasserie Keyzers ist bestens. Selbst Alfred Brendel lächelt um 23 Uhr weltfern durchs Restaurant, nimmt jeden Meter gelassen eine Gratulation entgegen.

Ganz anders das Bild vier Stunden vorher: Die Achtung vor dem weltberühmten Saal ist genauso gross wie die staunenden Augen der Musiker vor der Pracht. Auch Dirigent David Zinman nimmt die Probe überaus ernst, unterbricht bei Mahler schon im ersten Takt. Denn hier wurde Mahler-Interpretationsgeschichte geschrieben. Dank der Akustik scheint das Musikmachen etwas spielend Leichtes zu sein.

Nach der Probe bleibt noch eine Stunde. Das jüngste Tonhalle-Orchester-Mitglied, der 24-jährige Aargauer Benjamin Nyffenegger, raucht vor dem imposanten Gebäude eine Zigarette. Nervös? «Eher etwas müde.» In der vergangenen Nacht hat er das Fernsehduell zwischen Obama und McCain mitverfolgt, Amsterdam hat er am Nachmittag nur kurz gesehen. «Ich habe auf dieser Reise nicht das Bedürfnis, überall ins Museum zu gehen.» Der Abend zählt. Mahlers 1. Sinfonie tritt er erstaunlich gelassen entgegen. «Wir haben sie oft gespielt.»

selbst die Jungen scheinen die These zu bestätigen, dass Orchestermusiker unter den Künstlern die «ältesten Hasen» sind. Nyffenegger zeigt allerdings auch eine erfrischende Rationalität. «Ich habe keine Soli zu spielen, wir werden heute Abend als Cellogruppe bestehen.»

In dieser Gruppe sitzt auch die 26-jährige Anita Leuzinger. Sie spielte im Gegensatz zu Nyffenegger auch im viel kleiner besetzten Mozartkonzert mit Alfred Brendel mit. Ein grosses Erlebnis für sie. «Ich musste heute beinahe weinen.» Sagts und lässt sich die Emotionen gleich nochmals ansehen. Auch David Zinman reagiert nach der Anspielprobe überaus emotional. Eine 30-jährige Freundschaft findet ihr musikalisches Ende. In Paris hat Zinman allerdings mit gesunder Ehrlichkeit gesagt, dass selbst Abschiedskonzerte Arbeit seien, zu der auch Routine gehöre. «Aber wenn ich Alfred die Zugabe spielen höre, geht es mir sehr, sehr nahe. Ich werde ihm nach der Tournee einen langen Brief schreiben.»

In Mozarts Klavierkonzert in Amsterdam hört man wahrlich viel von letzten Dingen. Nach der grossen Mahler-Sinfonie ist unsereins allerdings etwas ernüchtert, das Konzert am Vorabend in Eindhoven gelang viel besser, der grosse Atem war spürbar, nichts wirkte zerfahren. Es ist ein heikles Thema, die meisten Musiker sehen es überhaupt nicht so. Immerhin herrscht beim Thema Brendel Einigkeit. Der Bratschist Gilad Karni schwärmt: «Keiner spielt Mozart so unschuldig. Ich sagte heute meiner Pultnachbarin: Von Brendels Spiel können wir viel lernen.»

Schön, wie die alten Hasen beim Thema Brendel zu jungen Träumern werden.

Tonhalle-Orchester Zürich

Wir begleiten das Tonhalle-Orchester Zürich und den Pianisten Alfred Brendel auf seiner Abschiedstournee von Luxemburg über Paris nach Amsterdam.

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