home
EinstiegsseiteAktuellesVitaEnsemblesKonzerteProjektePresseRepertoireDownloadsLinksKontaktD
Pressestimmen

« zurück

26. Januar 2018
Philharmonie Luxembourg
: Julia Fischer Quartett mit immenser Ausdrucksweite




26/01/2018

Ergibt viermal eins ein Ganzes oder bleibt es bei vier Einsen? Diese Frage konnte gestern in der Philharmonie in Luxemburg geklärt werden, hat Uwe Krusch ausgerechnet.

Wenn ein Quartett unter dem Namen des Primgeigers, hier der Violinistin Julia Fischer, auftritt, setzt das zunächst nur die Reihe der Quartette namensgebender Geiger fort. Dass diese Primaria aber auch eine arrivierte Solistin ist, ist zwar nicht Alleinstellungsmerkmal, aber schon nicht ganz alltäglich. Wenn an den anderen Pulten aber auch ausgewiesene Solistin sitzen, wie hier Alexander Sitkovetsky am zweiten Geigenpult, Nils Mönkemeyer am Bratschenplatz und Benjamin Nyffenegger mit dem Cello zwischen den Knien, dann geht man mit der Erwartung großer Kunst und der Befürchtung herausragender Einzelleistungen zu Lasten des Ensembles in die Vorführung.

Die Einleitung von Lydia Rilling beschränkte sich komplett auf die drei gespielten Werke, die alle eine herausragende Stellung im Quartettfirmament einnehmen. Und sie beleuchtete die Rolle des ‘grauen Riesen’, der Maßstäbe für die Quartettkomposition gesetzt hatte und in irgendeiner Weise alle nachfolgenden Versuche in dieser Richtung beeinflusst. Als Abendstern erleuchtete das Harfenquartett des grauen Riesen Beethoven die Zuhörer. Dieses nach einer mehrjährigen Phase symphonischer Betätigung geschaffene Quartett nimmt eine Sonderstellung ein, da es einen recht heiteren Komponisten zeigt, der hier die Klangflächengestaltung vor die Herausarbeitung von Strukturen stellt. Außerdem bereitet es spätere Quartette vor, da es sich von formalen Vorgaben löst. So verzichtet er im ersten Satz auf ein zweites Thema und damit auf den Sonatensatz insgesamt.

Daran schloss sich, man möchte sagen, ganz große Oper an, nämlich das Quartett ‘Die Kreutzersonate’ von Leos Janacek. Von Leo Tolstois Novelle inspiriert, in der aber auch die gleichnamige Violinsonate von Beethoven, auch so ein Bezug, eine entscheidende Rolle spielt, schafft Janacek eine der Novelle nachempfundene Struktur, in der sich Leidenschaften und Konflikte ungehemmt austoben.

Die Interpretation durch die vier Solisten wurde sowohl durch die gespannte Aufmerksamkeit als auch die entspannte Haltung aufgrund der technischen Versiertheit und gedanklichen Durchdringung geprägt. Das bedeutet, dass die Interpreten zwar hochkonzentriert agierten, aber auch genug geistigen Freiraum hatten für ein intensives Miteinander mit gestischem und mimischem Austausch. So wurde eine äußerst fein auf das Zusammenspiel abgestimmte Sicht geboten, die trotzdem jeden einzelnen heraushob. Es gelang sozusagen das Paradoxon, dass man alle vier Stimmen getrennt hörte und jeder sich einzeln herausragend präsentierte und trotzdem eine Gesamtsicht erzeugt wurde, aus der ein darüber hinaus gehendes gemeinsames Klangbild entstand.

Dieser Ansatz war zunächst kurz gewöhnungsbedürftig, aber gleichzeitig auch spannend. Insofern lässt sich die eingangs geäußerte Befürchtung zwar bestätigen, aber im Endeffekt zugunsten des großen künstlerischen darüber hinaus gehenden Ergebnisses auch verneinen.

Wenn man bedenkt, dass diese Vier jeweils auch andere Wege gehen und damit nur begrenzte Zeit zusammen arbeiten können, haben sie eine anspruchsvolle Einheit geschaffen, die einem Spezialensemble in nichts nachsteht. Die Homogenität ist makellos, die Ausdrucksweite immens. So lebt diese Gemeinschaft die Dynamik extrem aus.

Solche Feststellungen kann man natürlich gern an den lauten Ausbrüchen festmachen, die bei der Auswahl dieser Werke zu erwarten waren und auch geboten wurden. Aber insbesondere gelingt es diesen Musikern, auch die zarten und zurückgenommenen Augenblicke bewusst leise zu präsentieren und so die Dynamik nach unten abzurunden. Das macht nicht jedes hochgelobte reine Quartett so deutlich, was man durchaus als deren Manko empfinden kann. Mehr noch als Beethoven bot Janacek die Spielwiese für exzentrische Selbstdarstellung, die die Protagonisten auch gekonnt auslebten und die Zuhörerschaft mit einer aufgewühlten Gefühlsexplosion begeisterten.

Den Abschluss bildete dann das ‘Rosamunde Quartett’ von Franz Schubert. Die Musiker setzten hier ihre Tugenden weiterhin um, kamen aber, wohl auch begünstigt durch die Komposition, zu einem klassischeren Quartettklang, wie man ihn gewohnt ist. Auch in diesem Werk, das möglicherweise schon Todesahnungen in sich trägt, ließen die Dame und die drei Herren eine intensive und gleichfalls strukturierte Interpretation erklingen, die ihresgleichen erst einmal finden muss. Davon gerne mehr.

« zurück