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1. Januar 2018
Bachtrack
Das Julia Fischer Quartett hebt für eine kurze Ewigkeit die Welt aus den Angeln

Review von Benedikt Zacher

Unter dem Motto „Sternstunden der Quartettkultur“ fand ein Quartettabend mit dem Julia Fischer Quartett im Münchner Prinzregententheater statt. Was die Konzertbesucher an diesem Winterabend geboten bekamen, war fürwahr eine Sternstunde allerfeinster Kammermusik. Jeder der vier Musiker, die auf Initiative der Münchner Jahrhundertgeigerin Julia Fischer seit 2012 gemeinsam Jahr für Jahr die Perlen der Quartettliteratur in ausgewählten Konzertsälen interpretieren, ist ein Meister seines Instruments und auf internationalen Bühnen und bei den weltbesten Orchestern als Solist gefragt. Hierzulande erübrigen sich bei Julia Fischer (1. Violine) und Nils Mönkemeyer (Viola) weitere Worte der Vorstellung. Aber auch Yehudi Menuhins musikalischer Ziehsohn Alexander Sitkovetsky ist mittlerweile aus dem mächtigen Schatten seines Onkels Dmitri herausgetreten und hat sich als feinfühliger und temperamentvoller Musiker in Solokonzerten und diversen Kammermusikformationen einen Namen gemacht. Ebenso wie der Cellist Benjamin Nyffenegger, welcher derzeit stellvertretender Solocellist im Tonhalle Orchester Zürich ist. Sie alle eint neben der exzellenten solistischen Beherrschung ihrer jeweiligen Instrumente eine seelenverwandtschaftliche Beziehung zur Kammermusik.
Ensembles aus Solisten ihres jeweiligen Instruments zu formieren birgt Risiken. Genauso wie die größten Stars des dramatischen Opernfachs nicht unbedingt die besten Interpreten romantischer Kunstlieder sind. Heutzutage jedoch hat zumindest an den meisten Lehrstühlen für Streichinstrumente die Kammermusik einen festen Platz eingenommen, je nach Vorliebe der Dozenten und der Studierenden mehr oder weniger intensiv. Die vier Mitglieder des Julia Fischer Quartetts sind allesamt von Kindesbeinen an mit Kammermusik in Verbindung gekommen – und das hört man. Schon die ersten getragenen Takte des anfänglichen Streichquartetts in Es-Dur („Harfenquartett“) von Ludwig van Beethoven offenbarten perfekten Quartettklang von fein abgestimmter Linienführung und Phrasierung bis hin zu gleichschwingendem Vibrato, in Frequenz und Amplitude angepasst an den musikalischen Gehalt des jeweiligen Stücks. Im vollbesetzten Prinzregententheater hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Im zweiten Satz zeigte sich eine weitere Qualität dieses Quartetts. Mittelstimmen und Cello nämlich verstehen es, eine homogene klangliche Thermik zu schaffen, die es Julia Fischer ermöglicht, mit ihrem elysischen Geigenton Kantilenen zu spielen, als würde sie bei strahlendem Sonnenschein über einen glitzernden Gebirgssee mit dem Gleitschirm in ein Alpental schweben. Kein Wunder, dass nicht nur das hochkonzentrierte Publikum von schierer Freude erfüllt war, sondern sich auch die vier Musiker vom Glück des gemeinsamen Musizierens beseelt immer wieder zulächelten und feine spontane Impulse gaben, jenseits der einstudierten Interpretation.

Beim Streichquartett Nr. 1 („Kreutzer Sonate“) von Leos Janácek demonstrierten die Musiker die ganze Bandbreite ihrer differenzierten Klangkunst – von weichen Kantilenen und dramatischem Tremolo in jeglicher dynamischer Abschattierung bis hin zu scharf-metallischem sul ponticello. Julia Fischer spielte einmal gar so nah am Steg, dass ihr einmal der Bogen über diesen hinausrutschte und im ewigen Kolophonium landete.

Nach der Pause folgte ein Evergreen der Quartettliteratur, das Streichquartett Nr. 13 in a-moll („Rosamunde“) von Franz Schubert. Dieses Quartett ist aufgrund seiner zärtlich lyrischen Melodien – und des berühmten Themas aus dem Entr’acte No. 3 von Schuberts Rosamunde-Musik – höchst beliebt bei Kammermusikliebhabern; wegen seiner beherrschbaren technischen Schwierigkeiten auch bei aktiven Hausmusikern. Es ist vermutlich das am öftesten gespielte Streichquartett überhaupt, zählt man die unzähligen Interpretationsversuche privater Streichquartette zu den zahlreichen Konzertaufführungen hinzu. Umso gespannter war das Publikum, das zu einem Gutteil aus professionellen- und ambitionierten Laienmusikern bestand. Und umso größer war die Verblüffung und Ergriffenheit, als das Julia Fischer Quartett verdeutlichte, wie das Rosamunde-Quartett klingen kann, wenn man keine technischen Schwierigkeiten kennt und vollends eintauchen kann in die vollendete Schönheit dieser Musik. Der erste Satz hätte ein wenig zügiger sein dürfen. Dass den vier Ausnahmemusikern zwei fast unmerkliche Fehler unterliefen, lag vermutlich paradoxerweise gerade daran, dass sie das Rosamunde-Quartett schon so oft gespielt hatten. Da sie sich nämlich ihrer Sache so sicher waren beziehungsweise sich so der Musik hingaben, dass die Gedanken und Gefühle zu wandern begannen und die Konzentration kurz vom Notentext abschweifte, nahm Julia Fischer im ersten Satz vor der Durchführung eine falsche Abzweigung und wunderte sich selbst, als sie sich auf einmal ganz kurz und fast unhörbar ins harmonische Abseits gespielt hatte. Selbiges geschah dann nochmals – diesmal Nils Mönkemeyer – im vierten Satz.

Doch was zählen diese minimalen Fehler der vier befreundeten Musiker angesichts ihrer wahrhaft perfekten Gestaltung des Schubert‘schen Meisterstücks. Und obgleich alle Anwesenden ohnehin schon im siebten Kammermusikhimmel schwebten, passierte auf einmal beim Menuett das, was man wohl als Kairos – als göttlichen Moment – bezeichnen darf. Wer denkt schon beim Rosamunde-Quartett angesichts der berühmten Anfangssätze und des unter Musikern aufgrund der diffizilen Sechzehntelpassagen berüchtigten Finalsatzes an diesen kleinen feinen Zwischentanz? Als Benjamin Nyffenegger dann aber seine solistischen Einwürfe am Ende des Trios so dermaßen fein, tänzerisch, und zugleich lyrisch akzentuierte und seine Mitmusiker freudig einstimmten in diesen Lobgesang ihrer Freundschaft durch die Musik, da ward plötzlich für eine kurze Ewigkeit die Welt aus den Angeln gehoben

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