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21. Januar 2015
Kulturreferat der ÖH uni Graz
BEETHOVEN, SCHUMANN, SCHOSTAKOWITSCH – interpretiert vom JULIA FISCHER QUARTETT





Veröffentlicht von gernotgottlieb

Der Abend begann mit Beethoven. Das verwundert nicht: Als Schüler Haydns wird Beethoven das Streichquartett in die Wiege gelegt, gilt dieser doch als Vater dieser bedeutenden kammermusikalischen Gattung. Wenn auch – im Gegensatz zu Mozart – nicht der beliebteste Haydn-Schüler, baut Beethoven dennoch auf dem Fundament seines Lehrers auf und verhilft dem Streichquartett zu zuvor nicht gekannter Höhe und Vielfalt.
Das Julia Fischer Quartett wählte für den Konzertauftakt im Grazer Musikverein eines der frühen Streichquartette Beethovens: Sein Viertes. Nahezu aufdringlich ist das Motiv, das Beethoven im ersten Satz, dem allegro ma non tanto medias in res vorstellt und wieder- und wiederkehren lässt. Es ist das menschliche Unvermögen des Nicht-Loslassens, das hier zu einem musikalischen Ausdruck gebracht wird. Keineswegs jedoch zu einem kümmerlichen Ausdruck, denn dieses mitreißende Hauptmotiv bietet einen zügigen Einstieg in die folgenden kurzweiligen anderthalb Konzertstunden.
Eingestanden: Das Sprichwort davon, was in Worten unsagbar sei, könne nur in Musik zum Ausdruck kommen, scheint etwas abgegriffen. Hat nicht Victor Hugo ein berühmtes bon mot dazu geprägt? Und E.T.A. Hofmann? Jawohl, jawohl, jawohl – und dennoch: Als Julia Fischer mit ihren musikalischen Begleitern zum nächsten Streichquartett, dem Achten von Schostakowitsch, übergegangen ist, ist mir bewusst geworden, wie viel Wahrheit in diesen oft zitierten Worten immer noch zu finden ist. Zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich den grauenhaften Ereignissen zwischen 1939 und 1945 angenommen: Manche versuchten zu erklären, zu moralisieren, andere zu beschreiben, zu begreifen. Keinem von ihnen ist es aber gelungen, der wiederkehrenden Frage zu entgehen: Darf man über Gräuel dieses Ausmaßes schreiben? Reichen Worte überhaupt aus, um das Leid und Elend dieser Zeit auszudrücken?
Ich bin überzeugt, Schostakowitsch ist mit seinem achten Streichquartett etwas Großes gelungen: Er wertet und verurteilt nicht, sondern versucht jene Stimmung einzufangen, die er in dieser entscheidenden Lebensphase am eigenen Leib zu spüren bekommen hat. Und es wäre keine Kunst, würde diese Eigenbilanz nicht über das individuelle Empfinden hinausgehen: Indem Schostakowitsch das Unsagbare aus seiner eigenen Perspektive in die Musik transponiert, bietet er den Hörenden ein Stück Zeitgeschichte. Spielend mit dem Stillen (1., 4., 5. Satz) und Lauten (2., 3. Satz) zeichnet Schostakowitsch die Diskrepanz nach, die sich in den betreffenden Jahren zwischen Versteckt- und Gejagdsein, zwischen Leben und Tod aufgetan hat.
Kein Wort, kein Satz kann diese unsagbar trübselige Atmosphäre so gut zum Ausdruck bringen wie Musik. Freilich kann es die Literatur auch, aber auf andere, vielleicht weniger dezente Weise. Ein tief ergreifender Abschluss der ersten Konzerthälfte!

Die zweite Konzerthälfte hat Schumann geboten. Gilt sein drittes Streichquartett in A-Dur immer noch als das vollkommenste und berühmteste seiner Streichquartette, bleibt es dennoch unnahbarer und unantastbarer als das Eröffnungswerk des Zeitgenossen Beethoven. Im Gegensatz zu diesem hat Schumann sich im Bereich des Streichquartetts auch gar nicht allzu sehr versucht: Lediglich drei Quartette sind seiner Feder entsprungen, allesamt im Jahr 1842.
Mit zweifacher Zugabe wurde das Grazer Publikum schließlich nach einem spannungsreichen und anregenden Konzertabend nach Hause geschickt. Spricht ein tobender Applaus auch nicht immer für einen gelungenen Abend, ist es im Falle des Julia Fischer Quartetts unbestreitbar: Graz freut sich auf ein Wiederhören!

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